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Farm-to-Fork und Biodiversität: EU-Kommission stellt zwei wegweisende Strategien vor

RENN West

Letzten Mittwoch präsentierte die Europäische Kommission zwei Strategien, die einen wichtigen Teil der Bemühungen um den Europäischen Green Deal darstellen: Die Biodiversitätsstrategie und die agrarpolitische Farm-to-Fork-Strategie („Vom-Hof-auf-den-Tisch-Strategie“). Beide sollen für den Zeitraum 2020 bis 2030 gelten.

In den beiden Veröffentlichungen macht die EU-Kommission ambitionierte Vorschläge zu EU-Maßnahmen und Verpflichtungen, mit deren Hilfe der Verlust der biologischen Vielfalt weltweit gestoppt sowie Ernährungssysteme nachhaltig umgestaltet werden sollen. Die beiden Strategien ergänzen sich dabei gegenseitig und teilen zentrale gemeinsame Elemente, wie z.B. die drastische Reduzierung des Pestizideinsatzes und die Förderung ökologischer Landwirtschaft. Laut dem Vizepräsidenten der EU-Kommission, Frans Timmermans, sollen die Strategien die Richtung weisen zu einer neuen und besseren Balance zwischen Natur, Ernährungssystem und Biodiversität. Die Strategie ist ebenso ein zentraler Bestandteil der Agenda der Kommission zur Verwirklichung der globalen Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDG).

Mit der Biodiversitätsstrategie die Artenvielfalt erhalten

Die Artenvielfalt soll vor allem durch die Ausweisung zusätzlicher Schutzgebiete innerhalb der EU erhalten werden. Dabei sollen vor allem alte und Primärwälder strenger geschützt werden. Zielstellung ist, die Schutzgebiete jeweils auf 30 Prozent der europäischen Landfläche und der europäischen Seegebiete auszuweiten.

Weitere Maßnahmen sind unter anderem die Renaturierung von Flussläufen mit einer Gesamtlänge von 25.000 Kilometern und das Pflanzen von drei Milliarden Bäumen. Der Einsatz von Pestiziden soll um die Hälfte reduziert werden. Durch diese Maßnahmen will die Europäische Union weltweit zur Vorreiterin beim Artenschutz werden. Insgesamt 20 Milliarden Euro jährlich sind seitens der Kommission für die Umsetzung der Strategie vorgesehen.

Gesundheit und Nachhaltigkeit mit der Farm-to-Fork-Strategie

Die Farm-to-Fork-Strategie soll die Versorgung der Menschen in der EU mit gesunden, nachhaltigen und erschwinglichen Lebensmitteln sicherstellen und zugleich die Umwelt schützen sowie planetare Grenzen respektieren. Ein zentrales Ziel der Strategie ist, die Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung zu reduzieren. Entsprechend der Biodiversitätsstrategie wird auch hier die Reduzierung von Pestiziden um 50 Prozent gefordert. Außerdem sollen der Nährstoffüberschuss in der Umwelt sowie der massenhafte Einsatz von Düngemitteln durch EU-Maßnahmen eingedämmt werden. Mindestens 20 Prozent weniger Dünger sollen die Landwirte und Agrarkonzerne in der EU bis 2030 verbrauchen.

Des Weiteren will die EU-Kommission den Verkauf von Antibiotika für Nutztiere und Aquakulturen um die Hälfte senken. Damit wird auch das Risiko der Entstehung multiresistenter Keime gesenkt. Außerdem soll die ökologische Landwirtschaft ausgebaut werden: Ziel ist, dass bis 2030 mindestens ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Flächen in der EU ökologisch bewirtschaftet werden.

Die Farm-to-Fork-Strategie nimmt darüber hinaus auch den Lebensmittelhandel, die Verpackungsindustrie und die Problematik der Lebensmittelverschwendung in den Blick und schlägt Ansätze für nachhaltige Lösungen vor.

Impuls für ein grünes Europa

Die Biodiversitäts- und Farm-to-Fork-Strategie der EU-Kommission sind mutmachende Signale des europäischen Aufbruchs zu einer Nachhaltigen Entwicklung. So äußern sich auch viele Umwelt- und Naturschutzverbände positiv zu den Inhalten und Zielsetzungen der Strategien und sehen dort zentrale Eckpunkte ihrer Forderungen aufgegriffen. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass es sich bisher nur um Vorschläge der EU-Kommission handelt. Beide Strategien sind zum jetzigen Zeitpunkt weder vom EU-Parlament noch vom Rat der Europäischen Union diskutiert oder angenommen worden.

Hinzu kommen starke Bedenken bezüglich der Kohärenz der vorgeschlagenen Strategien mit anderen Politikprozessen. So wird die Vereinbarkeit der Strategien mit dem Kommissionsvorschlag zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) aus dem Jahr 2018 kritisch gesehen. Eine intensive Überarbeitung der GAP ist erforderlich, um in Verbindung mit den genannten Strategien wirkungsvoll transformative Prozesse in der Landwirtschaft anzustoßen. Ein weiteres Manko der Strategien ist der blinde Fleck beim Thema Gentechnik. Diese müsse weiterhin risikogeprüft und rückverfolgt werden, anstatt sie zunehmend zu deregulieren, so die Kritik aus Umweltschutzkreisen.

Skeptisch bleibt der Bauernverband. Er geht zwar nicht so weit, die Strategien als Ganzes abzulehnen, übt aber deutliche Kritik an den Plänen der EU-Kommission. Neue Schutzgebiete führten zu Landnutzungskonflikten, weniger Pestizid- und Düngemitteleinsatz gefährde Bauern und Bäuerinnen zunehmend in ihrer Existenz, befürchtet der Verband. Generell und speziell im Nachgang der Corona-Krise seien zudem erhebliche Finanzmittel nötig, um die beiden Strategien umzusetzen.

Fest steht: Die beiden Strategien der EU-Kommission sind ein vielversprechender Aufschlag für mehr Artenschutz und eine nachhaltige Landwirtschaft. Was von den nun vorgeschlagenen Zielen und Maßnahmen letztendlich verbindlich umgesetzt wird, bleibt eine spannende Frage.

Lesen Sie hier die Farm-to-Fork- und die Biodiversitätsstrategie in voller Länge.

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